Fokus Architektur

Foto: kéré architecture
Foto: kéré architecture
Foto: kéré architecture
Foto: operndorf afrika
Foto: lennart laberenz
Foto: kéré architecture
Foto: kéré architecture
Die soziale Architektur

Das Konzept
von Diébédo Francis Kéré

Francis Kérés preisgekrönte, ökologisch nachhaltige, den Natur- und Lebensverhältnissen angepasste Architektur funktioniert nach den Prinzipien der Low-Cost-Konstruktion: Ein Baumodell wird entwickelt, das nicht nur klimatisch angepasst ist, sondern auch die vor Ort vorhandenen Potenziale nutzt – sowohl die traditionellen Baumaterialien als auch die vorhandenen Arbeitskräfte. Während der Konstruktionsphase seiner Gebäude legt Kéré großen Wert auf die Vermittlung von Wissen über die fachgerechte Verwendung der Materialien und über Bautechniken an die lokalen ArbeiterInnen. Bildung war auch ein wichtiges Thema für Christoph Schlingensief und ist ein integraler Bestandteil für den Bau des Operndorf Afrikas.

Alles, was den einheimischen ArbeiterInnen beigebracht werden muss, ist die Bedienung einer Handsäge und eines kleinen Schweißapparats. Es geht Kéré um eine nachhaltige‚ soziale Architektur unter ökonomischen und ökologisch vertretbaren Bedingungen: Francis Kérés Begriff vom sozialen Bauen bezieht die Menschen in den Bau mit ein – alle helfen mit. Diese Idee einer Sozialen Architektur traf sich mit Schlingensiefs Idee einer Sozialen Plastik Operndorf. 2009 lud Kéré Schlingensief in sein vier Autostunden von der Hauptstadt Ouagadougou entfernt gelegenes Heimatdorf Gando ein und zeigte ihm sein Projekt, eine Grundschule für 500 Kinder, die er gemeinsam mit den DorfbewohnerInnen erbaut hatte.

Francis Kéré und
Christoph Schlingensief

Kéré und Schlingensief erkannten sich als Partner für das Projekt Operndorf Afrika. Im Anschluss an die Reise nach Gando entwickelten sie das Architekturkonzept für das Operndorf Afrika. Beide waren sich einig in zentralen Fragen, die den Bau des Operndorfes begleiten sollten: Was erwarten und was brauchen die Menschen vor Ort? Welche natürlichen Baumaterialien sind dort vorhanden?

Kéré hat die Verwendung von Naturstoffen wie Lehm, Sand und Stein vor Ort rehabilitiert und verbindet die traditionellen Bauweisen seines Landes mit neuen ökologischen und nachhaltigen Konzepten. Lehm gibt es in Fülle, galt jedoch lange als »Arme-Leute-Baustoff« und als nicht baugerecht. Die Menschen wissen aus Erfahrung, dass ein Lehmbau eine Regenzeit meist nicht überlebt. Deshalb streben sie nach teuren und vor Ort schlecht handhabbaren Baustoffen wie zum Beispiel Zement. Kéré selbst hat eine Technik entwickelt, den Lehm so anzumischen, dass er dem Regen standhält – mit minimalem Einsatz von Strom und Wasser und unter Verwendung von nur ca. 8 Prozent Zement. Diese Lehmziegel können trotz Mangel an Strom und Wasser lokal hergestellt werden. So können die Menschen vor Ort die Projekte eigenständig aufbauen und diese anschließend reparieren.

Auf diese Weise soll ein organisch funktionierendes Operndorf mit einem autarken ökologischen System entstehen, das eine nachhaltige Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen gewährleistet. Francis Kéré hat für das Operndorf Afrika nach Maßgabe der örtlichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten spezielle Gebäudemodule entworfen, die eine langfristige und vielseitige Nutzung garantieren. Seine Klimatechnik schafft eine konstante, angenehme Temperatur ohne Strom.

»Der Ort ist nicht wichtig weil da nachher eine Arie gesungen wird oder ein Symphonieorchester spielt … das ist alles nicht notwendig. Meine Vision
von dem Platz wäre immer mit der Hoffnung verbunden, dass das anfängt an eigenen Orten zu leben – durch die Menschen, die da wohnen, also vor allem durch die Schule. Ich glaube jetzt ist der Begriff Operndorf auf seinem Weg durch die Welt. Da wird man dann später hinfahren wollen um mal zu gucken. Und wenn man da ist und sich die Kinder, die Schule und den Sportplatz und den Acker und die Klinik anschaut und dazu vielleicht sogar ein Zimmer, das man erwischt
hat und die Bühne, die immer zur Verfügung steht, weil man da drauf auch mal was sagen kann, ein Grußwort spricht oder wie auch immer. Das ist das vielleicht!«
Christoph Schlingensief

Der Plan für
das Operndorf Afrika

Schlingensief und Kéré teilten das Projekt in drei Bauphasen ein: Die erste Bauphase sollte den Bau einer Grundschule beinhalten – mit angeschlossener Kantine, Küche, einem Filmvorführraum, einem Tonstudio, Büros, Lagerstätten und Lehrerwohnhäusern. Die zweite Bauphase stellte den Bau einer Krankenstation in den Mittelpunkt. Darüber hinaus wurde der Bau von Gästehäusern und einem kleinen Restaurant geplant. In der dritten und letzten Bauphase sollte das Kernstück der Anlage, das sogenannte Festspielhaus, zentral in der Mitte des Platzes, realisiert werden. Weitere Informationen zur Architektur von Francis Kéré finden Sie unter kere-architecture.com

Die Architektur
des Operndorf Afrika

Die Schule

Fertiggestellt und in Betrieb

Im Oktober 2011 wurde der erste Projektbaustein des Operndorf Afrika, eine Grundschule mit angeschlossener Kantine, eröffnet. Aufgrund der Architektur, die ein spezielles und mehrfach ausgezeichnetes Belüftungskonzept integriert, sind die Räume angenehm kühl und ermöglichen konzentrierteres Lernen. Die Dachkonstruktion besteht aus einem Doppeldach, das Luftzirkulation in den Räumen ermöglicht. Der Dachüberstand verschattet zudem die Fassade und verhindert so die Überhitzung des Innenraums.

Das obere Wellblechdach wird von einer Stahlkonstruktion getragen, die sich auf der massiven mit Luftschlitzen gemauerten BTC-Kappendecke befindet. Durch diese doppelte Ausbildung des Daches kann die Luft zwischen den beiden Dachschichten zirkulieren. An der Front- und Rückseite wurden die Räume jeweils mit Lamellenfenstern aus Metall ausgestattet, die zudem eine Querlüftung ermöglichen. Im Gegensatz zu den landestypischen Schulen in Betonbauweise wird so ein angenehmes Raumklima ermöglicht. Zu dieser ersten Projektphase gehören insgesamt 16 realisierte Gebäude (Büros, Lehrerwohnhäuser, ein Tonstudio, zwei Schulgebäude, ein Filmvorführraum, Kunstwerkstätten, eine Mensa mit Küche und Essenssälen), die seit Oktober 2011 in Betrieb sind. Im selben Jahr wurde das Schulprojekt mit Unterstützung der Regierung von Burkina Faso an das öffentliche Strom- und Wassernetz angeschlossen.

Die Erweiterung der Schule um ein letztes Gebäude ist für Frühjahr 2017 mit voraussichtlichen Baukosten von 95.000 Euro geplant.

Die Wohn- und
Funktionsmodule

teilrealisiert

Francis Kéré hat für das Operndorf Afrika spezielle Gebäudemodule entworfen, die eine langfristige und vielseitige Nutzung garantieren. So können diese zum Beispiel als Lager-, Wohn- oder Büroräume genutzt werden. Zwanzig dieser Module sind bereits realisiert.

Neben den LehrerInnen der Grundschule lebt das Personal der Krankenstation im Operndorf Afrika in diesen Wohnmodulen. Weiterhin wurden in 2014 drei Künstlerresidenzen fertiggestellt, die den Künstlern des Artist-In-Residenz-Programms zur Verfügung stehen.

Darüber hinaus gibt es Funktionsmodule, die als Büros und Lagerstätten fungieren oder zum Komplex der Schulkantine zählen. Eines dieser Funktionsmodule wurde als Tonstudio eingerichtet und steht der Musikklasse der Operndorf-Schule zur Verfügung. Der Bau von weiteren Wohn- und Funktionsmodulen ist in Planung.

Die Krankenstation

Fertiggestellt und in Betrieb

Francis Kéré wollte mit diesem Neubau zum einen ein geschlossenes Gebäudeensemble schaffen, das den Aspekten der Gesundheit und Krankheit im Operndorf Afrika eine räumliche Trennung gegenüber Schule, Kantine und Verwaltungseinheiten gewährt. Gleichzeitig verweist der Entwurf durch seine zahlreichen Öffnungen, Fenster und Halbdächer auf die Nähe zum Dorf und ermöglicht einen Ausblick in die Landschaft. Das 800 qm große Gebäude ist in drei Bereiche gegliedert, mit teils separaten Zu- und Ausgängen, die eine kluge Trennung der Arbeitsbereiche der Station erzielen. Gleichzeitig erlaubt es eine funktionale Nähe zu den allgemeinen Bereichen Administration und Pharmazie.

Der Bau nimmt vor allem die soziale Nähe in den Fokus, insbesondere für die Angehörigen der Kranken und die Familien der entbindenden Mütter. Um den gemeinschaftlichen Aspekt nicht nur zu stärken, sondern ihm auch seinen Raum zu geben, integrierte Kéré teilüberdachte, begrünte Höfe für die Familien der Kranken, in denen sie die Möglichkeit erhalten sich aufzuhalten, sich zu treffen und zu kochen.

Die begrünten Innenhöfe und die scheinbar zufällige Anordnung zahlreicher Fenster und Öffnungen in verschiedenen Höhen verfolgen dabei noch einen ganz anderen Zweck: Kéré nutzt den Effekt der Ab- und Zuluft, um die Gebäude bei den täglichen Temperaturen von weit über 30 Grad auf eine natürliche Weise zu kühlen. Über zwei begrünte Innenhöfe dieser Krankenstation strömt kühle, vorgefilterte Luft in das Gebäude. Kleinere, innenliegende Höfe erzeugen durch Öffnungen nach oben einen Kamineffekt und transportieren heiße Luft wieder ab – so ließ sich ein natürliches Belüftungssystem schaffen.

Drei jahrzehntealte Bäume konnten in den Bau integriert und damit erhalten werden, weitere Bäume wurden von den umliegenden Dörfern dem Operndorf Afrika geschenkt und in die Innenhöfe gepflanzt. Das Projekt, das bereits die umliegenden Gemeinden in den Bau der Anlage integrierte, ist von Anbeginn an als Gemeinschaftsprojekt mit der Kommune, dem Land und der Bevölkerung entstanden.

Die Krankenstation umfasst die Bereiche Ambulanz, Geburtenstation und eine zahnmedizinische Praxis. Sie ist seit Mitte 2014 in Betrieb und entstand mit freundlicher Unterstützung der internationalen Hilfsorganisation die Grünhelme e.V. und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Das Festspielhaus

In Planung

Das Festspielhaus soll das Zentrum des Operndorf Afrika bilden und als ein Ort der Kunst funktionieren: Hier sollen Theater-, Film- und Opernvorführungen und andere Kulturveranstaltungen stattfinden, gleichzeitig soll es ein Ort der Versammlung und Begegnung sein. Festspielhaus und Festplatz liegen in unmittelbarer Nähe der Schule, der Siedlungen und der Funktionsmodule, in denen die BewohnerInnen lehren, lernen, wohnen und arbeiten. Eine Anordnung, die für die direkte Anbindung des kulturellen Lebens an das alltägliche Leben stehen soll. Schon heute hat sich der Platz vor dem zukünftigen Festspielhaus zu einem öffentlichen Treffpunkt und Veranstaltungsort entwickelt.