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Montag,16. April 2012

Burkina Faso - Hier ist es also. Etwa eine Stunde braucht man mit dem Taxi von der Hauptstadt Ouagadougou bis ins „Village opéra de Schlingensief“. Der Taxifahrer hat sich den Weg erklären lassen, er ist noch nie hier gewesen. Ja, er habe von einer neuen Schule gehört, draußen in der Nähe von Ziniaré, dem Geburtsort des Präsidenten Blaise Compaoré. Ach, ein Kunstprojekt? Ein Operndorf? Sétou Soro, eine junge Frau, die uns begleitet, hat noch nie von Schlingensief gehört. „Sehr hübsch“ findet sie den modernen Komplex. Dann meldet ihr vierzehn Monate alter Sohn Hunger an, und sie wendet sich ihm zu.

Séverin Sobgo, der Assistent der burkinischen Geschäftsführung führt routiniert über das Gelände. Hier, links, die fast fertigen Gästepavillons; rechts Lagerräume, Küche, Speisesaal; dort, am anderen Ende, die sanitären Anlagen. Doch die sind noch nicht in Benutzung. Drei deutsche Touristen streunen zwischen den leeren Gebäuden umher und machen Fotos. Nur aus einem Klassenraum ertönen aufgeregte Kinderstimmen. Denn seit Oktober herrscht Leben in der westafrikanischen Dauerbaustelle, die ersten fünfzig Schüler sind eingeschult, montags bis samstags kommen sie aus den umliegenden Dörfern und lernen hier Lesen, Schreiben und Rechnen. Gerade machen sie eine Pause und warten auf den Lehrer. Schlingensiefs Erstklässler. Von ihrer großen Bestimmung wissen sie noch nichts, auch mit Film und Theater können sie bisher wenig anfangen. „La pipe de papa“ steht mit bunter Kreide auf der Tafel, „die Pfeife von Papa“. Heute steht der Buchstabe P auf dem Programm.

Das Operndorf von Christoph Schlingensief ist ein kultureller Schmelztiegel mitten im kleinen west­afrikanischen Bin­nenland Burkina Faso, rund 35 Kilometer entfernt von der Hauptstadt Ouagadougou. Ein Ort, an dem Kinder lernen, leben und sich künstlerisch entfalten können, ohne institutionalisierte Kulturbilder aus dem Westen, ohne vorgefertigte Maßstäbe dessen, was Kunst bedeutet, ohne Zeit- und Leistungsdruck. Ein Ort, an dem Kunst „aus sich heraus entsteht“ und ein Ort, von dem wir Europäer lernen sollen. So oder so ähnlich sah Christoph Schlingensiefs letzte Vision aus.

Zwanzig Prozent künstlerische Kurse

Dreizehn Gebäude aus rotem Lehm sind seit der Grundsteinlegung vor gut zwei Jahren fertiggestellt. Sie sind schlicht, fügen sich gut in die Umgebung ein und fallen doch auf mit ihrer modernen Architektur mitten im ländlichen Savannengebiet Burkina Fasos. Entworfen hat den Komplex der in Berlin lebende Burkinabé Francis Kerré. „Insgesamt soll es sechs Klassen geben. Achtzig Prozent des Unterrichts sind klassische Schulfächer, zwanzig Prozent werden künstlerische Kurse“, erklärt Séverin Sobgo in nahezu fehlerfreiem Deutsch.

In Planung sind eine Krankenstation, eine Solaranlage und irgendwann einmal das Herzstück des kleinen Dorfes: das schneckenförmige Festspielhaus. Wo es entstehen soll, ist das Gelände mit weiß-roten Holzpfosten abgesteckt, dreizehn Container voller Sitzbänke und anderer nützlicher Gegenstände stehen am Rand des Grundstücks und warten auf ihren Einsatz.

Ende März war Aino Laberenz mal wieder für zwei Wochen in Burkina Faso. Die Witwe von Christoph Schlingensief und Erbin seiner gigantischen Operndorf-Vision hat nach der großen Kunstauktion im März eine Million Euro für den Weiterbau des Projektes zur Verfügung. Wie genau der nun vorangehen soll, wollte sie vor Ort planen, bis zum Beginn der Regenzeit im Juni/Juli müssen zumindest die Fundamente der Krankenstation fertig sein.

„Wir haben noch keinen Zehnjahresplan, wir gehen Schritt für Schritt vor“, sagt Aino Laberenz, die tapfer in die Fußstapfen ihres verstorbenen Mannes getreten ist. Mehrfach hat die 31-jährige Kostümbildnerin betont, wie wenig wohl sie sich im Rampenlicht fühle, wie ungern sie Interviews gebe. Klein, zart und zurückhaltend – sie ist nun diejenige, die Schlingensiefs Vision vorantreibt. Doch sie scheint in ihre Rolle hineingewachsen zu sein, hat sein Projekt zu ihrem gemacht. Aino Laberenz spricht mittlerweile selbstsicher mit Journalisten und hat gelernt, das Operndorf gegenüber Zweiflern zu verteidigen.

Solche gibt es reichlich. Geht das Projekt nicht an der Lebensrealität der Burkinabé vorbei, fragen sie. Und wie das denn überhaupt zu finanzieren sei. Wo Afrika für die meisten Deutschen doch so weit weg ist, ein Kontinent für den Kinderpatenschaften verkauft und rostige Fahrräder gesammelt werden. Aber ein Kulturprojekt? Wer soll überhaupt hierher aufs Land kommen, über die unbeleuchteten Straßen und sich die Aufführungen der Schüler anschauen? Diese Fragen stellt sich auch Henner Lichtenfels, einer der drei Touristen, die das Gelände an diesem Mittwoch besichtigen. Der Rentner lebt seit August in Burkina Faso, seine Frau arbeitet in der Entwicklungszusammenarbeit. Der Begriff der Oper an diesem Ort verwirrt auch ihn, vermutlich mehr als die meisten Burkinabé.

„Christoph hat das Dorf nicht als Opernbetrieb im klassischen Sinne gesehen“, antwortet Aino Laberenz auf solche Fragen. Und dass es den Kindern eine Art großer Werkzeugkasten sein soll. Sie wird nicht müde das Konzept ihres verstorbenen Mannes immer und immer wieder zu erklären. „Christoph hat sich selbst gefragt: Wie kam ich zum Film? Spielerisch.“ Es seien die ersten Jahre, in denen sich entscheide, wohin es geht. Sie meint die Kinder, könnte aber auch für das Operndorf sprechen.

Von großer Kunst ist noch nicht viel zu spüren

Das Festspielhaus selbst ist erst für die dritte Bauphase geplant. Jetzt, in der kommenden zweiten Bauphase, sollen weitere Klassenräume hinzukommen, eine Solaranlage und die Krankenstation. „Christoph hat diese Abschnitte eingeteilt, ich richte mich danach“, sagt sie. Die größte Hürde ist vorerst genommen: Durch das Geld der Kunstauktion, bei der am 8. März von Künstlern wie Georg Baselitz, Christo oder Sigmar Polke gespendete Werke zugunsten des Projekts versteigert wurden, ist der Weiterbau gesichert. Was eine Million Euro überhaupt bedeuteten, sei ihr erst nach und nach klar geworden, sagt Aino Laberenz. „Das ist eine ganz andere Form von Freiheit.“ Vorher habe sie sich für jeden Euro etwas einfallen lassen müssen. Der Kunstmäzen Friedrich Christian Flick versprach außerdem, als Grundstock für eine Stiftung 250 000 Euro zu spenden.

Vom Geist der großen Kunst ist noch nicht viel zu spüren. Aber in Ouagadougou dauert vieles seine Zeit. Das Leben folgt nicht unbedingt dem Rhythmus der Armbanduhr. Nach Schlingensiefs Tod waren Unsicherheit und Ratlosigkeit zunächst groß. Wohin steuert das Schiff ohne seinen Kapitän? Doch seit einem halben Jahr beantworten 25 Mädchen und 25 Jungen diese Frage, zumindest zum Teil. Im Herbst wird die zweite Klasse eingeschult. Dann sind es schon hundert Schüler.

Um diese Schule als Teil eines „Operndorfs“ zu sehen, braucht es noch einiges an Vorstellungskraft. „Aber das Potenzial

ist da“, sagt Aino Laberenz. Sie hat eine eigene Vision: „Dass das Dorf eines Tages eigenständig bestehen kann.“ Dass burkinische Kinder von burkinischen Lehrern lernen, Workshops mit internationalen Künstlern stattfinden und sich eigene Projekte entwickeln. Hier in dem Land, das alle zwei Jahre zum größten afrikanischen Filmfestival Fespaco einlädt, das eine rege Theaterszene hat und in dem Musiker wie der Rapper Smockey die Bevölkerung aufrütteln. Er gehört zum burkinischen Operndorfkomitee. Und Smockey ist auch dem Taxifahrer Issa und der jungen Sétou Soro ein Begriff.

Autorin: Simone Gaul, Stuttgarter Zeitung vom 15.4.2012

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Posted by Operndorf

Donnerstag,29. März 2012

Der Architekt Francis Kéré baut das von Christoph Schlingensief erdachte Operndorf in Burkina Faso – 50 Erstklässler sind schon vor Ort 

VON JUDITH LIERE

Ein warmer Wind weht über den flachen Hügel in der Savanne, wirbelt den gelbroten Lehmboden auf, der während der Trockenzeit in Burkina Faso alles mit einem staubigen Film überzieht. Ein paar rote Häuschen gruppieren sich im Kreis, im Zentrum: eine leere Fläche, schneckenförmig abgesteckt mit weißroten Holzstäben. Hier soll einmal das stehen, was manche für eine Phantasterei, den Irrsinn eines durchgeknallten Künstlers halten: das Opernhaus, das der 2010 verstorbene Christoph Schlingensief mitten in die westafrikanische Savanne setzen wollte.

Doch die Phantasterei ist mittlerweile Realität, zumindest zum Teil. Im Februar 2010 wurde der Grundstein gelegt, seitdem ist viel passiert. An den schmalen Häuschen – 13 sind bisher fertig – hämmern Bauarbeiter herum. Im Schatten neben zwei langen Gebäuden am Rand des Geländes sitzen 50 Erstklässler und machen Mittagspause. Die Schule, die zu Schlingensiefs Operndorf gehört, hat im vergangenen Oktober eröffnet, die Kinder können bereits die ersten Wörter schreiben, und an der Tafel im Klassenzimmer steht: 1+2=3.

Francis Kéré, ein hochgewachsener Mann in Jeans, blauem Hemd und großer verspiegelter Sonnenbrille, läuft mit federndem Schritt über das Gelände. Er ist der Architekt von Schlingensiefs Operndorf-Vision. Die er anfangs ebenfalls irrsinnig fand: „Natürlich habe auch ich mir erst mal an den Kopf gefasst. Ich dachte, es sei ein Witz. So eine Idee konnte nur von jemand kommen, der vollkommen saturiert ist oder keine Ahnung von Afrika hat.“ Kéré kommt aus Burkina Faso. Rund um sein Gesicht sind feine Narben in die Haut geritzt, wie Sonnenstrahlen – traditioneller Körperschmuck und ethnisches Zugehörigkeitsmerkmal in Westafrika. 1965 wurde er im Dorf Gando im Südosten Burkina Fasos geboren, wuchs mit zwölf jüngeren Geschwistern als Sohn des Dorfoberhaupts auf. Er war das erste Kind im Ort, das zur Schule geschickt wurde. Mit einem Stipendium kam er vor rund zwanzig Jahren nach Berlin, studierte Architektur. Dort hat er mittlerweile sein Büro und gibt Uni-Seminare, doch immer wieder realisiert er Projekte in seinem Heimatland. In Gando baute er eine Dorfschule und wurde dafür mit mehreren Architekturpreisen ausgezeichnet, unter anderem dem Aga-Khan-Preis und dem BSI Swiss Architectural Award, zwei hochrenommierte und -dotierte Auszeichnungen.

Das Goethe-Institut hat Kéré und Schlingensief zusammengebracht. Der Architekt sagt, er habe lange gezögert, bis er das Projekt angenommen habe. „Ich hatte das Opernbild im Kopf, das wir in Europa kennen: ein Haus nur für eine bestimmte Schicht und gleichzeitig sehr teuer zu bauen.“ Burkina Faso gehört zu den ärmsten Ländern der Erde, etwa 80 Prozent der Einwohner sind Analphabeten. „Ich dachte erst, das sei ein Spiel, ein Bluff, deshalb war ich skeptisch.“ Kéré hat sich schließlich doch mit Schlingensief getroffen und sich überzeugen lassen. „Christoph konnte gut erklären, dass es sich um etwas anderes handelt als die übliche Oper, dass er es langsam erarbeiten möchte, ,Soziale Plastik‘ und all diese Ideen, die eigentlich das Hauptthema waren.“

Soziale Plastik, diese Theorie von Beuys, dass jeder durch Kreativität Gutes für die Gesellschaft tun könne – auf Kérés Arbeit trifft sie auf fundamentale Art zu. Wenn er über die Baustelle führt und seinen Ansatz erläutert, dann spielt dabei die Frage, wie und ob die Anlage in Zukunft künstlerisch genutzt werden könnte, erst einmal keine Rolle. Der Architekt hat sich auf die sozialen Aspekte konzentriert. Wie bei der Schule in Gando und vielen anderen seiner Projekte auch, etwa in Jemen und Indien, baut er mit geringsten Mitteln – und mit heimischen Ressourcen und so simpel, dass die Menschen am Ort sie leicht nachmachen können, so jedenfalls sein Wunsch. Die Steine für die Häuser lassen sich mit einer manuellen Presse einfach aus Lehm und ein wenig Zement fertigen und werden nicht gebrannt, das Wellblechdach schwebt auf einer Stahlkonstruktion über dem Haus und lässt einen Spalt über den Wänden – es ist Teil eines natürlichen Belüftungssystem, dass laut Kéré dafür sorgen soll, dass es auch im Sommer, wenn hier Temperaturen von weit über 40 Grad herrschen können, kühl in den Häusern bleibt. Und tatsächlich: Wenn der Architekt die Metalllamellen der schmalen Fensterläden aufschiebt, weht ein steter Luftzug durch das kleine Haus.

Die Architektur wirkt logisch und passend in dieser Landschaft. „Es soll ja nicht aussehen, wie vom Flugzeug runtergefallen“, meint Kéré. Dass diese Art zu bauen dort trotzdem ein bisschen revolutionär ist, wird sehr deutlich, wenn man die neueren Bauten in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou betrachtet – besonders im neu hochgezogenen Viertel Ouaga 2000, in dem sich Präsident Blaise Compaoré einen neuen Palast bauen ließ und in dem viele Botschaften und Ministerien angesiedelt sind. An den grotesk protzig wirkenden, menschenleeren vierspurigen Straßen dominieren Bauten aus Beton, die innen mit Klimaanlagen heruntergekühlt werden.

Dass es auch anders gehen kann, verwundert hier viele noch – offenbar auch die Firma, die in den Häuschen im Operndorf die Elektrik eingebaut hat. Jedenfalls hängen dort jetzt weiße Ventilatoren unter der Decke. Francis Kéré schaut genervt nach oben, er hat sie nicht bestellt: „Die verfälschen komplett die Idee des Gebäudes, die kommen wieder raus.“

Trotz der einfachen Bauweise und der Beschränkung auf das unbedingt Nötigste leidet die Ästhetik nicht. Die Häuser bleiben unverputzt – das wäre rausgeschmissenes Geld, meint Kéré, aber die roten Ziegel schmiegen sich harmonisch in die Landschaft, aus deren Lehmboden sie gemacht sind. Trotzdem findet man kleine Details, die nur dafür da sind, dass es besser aussieht: Die Stromkabel etwa verlaufen versteckt, dafür wurden beim Ziegelpressen kleine Kanäle angelegt – kostet schließlich nichts extra. Für diese erste Bauphase wurden bisher rund 500 000 Euro an Spenden ausgegeben.

Noch ist das Operndorf nur an Schultagen belebt. Die anderen Häuschen, die bereits fertig sind, in denen einmal Wohnräume, ein Tonstudio, eine Kantine und Theaterwerkstätten sein sollen, werden bisher nur von Besuchern und ab und zu von Sponsoren bevölkert. „Seitdem die Leute sehen können, dass etwas da ist, gibt es weniger Kritik“, sagt Kéré. Doch natürlich fließen seit dem Tod von Christoph Schlingensief weniger Spenden. Der, der so mitreißend erklären und phantasieren konnte, dass er auch den pragmatischen Architekten überzeugte, ist nicht mehr da. „Der Visionslieferant ist nicht mehr da, wir müssen kürzer treten.“

Doch Aino Laberenz, die Witwe Schlingensiefs, die sich nun um das Operndorf kümmert, hat Ideen, woher sie Geld für die zweite Bauphase, in der unter anderem eine Krankenstation entstehen soll, auftreiben kann. Sie hat Künstler und Galerien angeschrieben und so 84 Werke von Größen wie Matthew Barney, Georg Baselitz, Olafur Eliasson, Sigmar Polke und Andreas Gursky für eine Auktion überlassen bekommen, die am Donnerstag in Berlin mehr als eine Million Euro einspielte. „Das ist unglaublich, das hätte ich nie im Leben gedacht“, sagte Aino Laberenz nach der Auktion. „Im April baue ich weiter.“

Erst in einer dritten Bauphase soll schließlich das schneckenförmige Opernhaus entstehen, das bisher auf dem Gelände nur durch die weißroten Pflöcke in der Erde angedeutet ist – und spätestens dann wird wohl auch wieder Kritik am Sinn des Projekts laut werden. Denn selbst wenn man den Begriff Oper nicht so eng definiert und nicht davon ausgeht, dass hier einmal Wagner und Mozart inszeniert werden, bleibt die Frage, welches Publikum das 600 Plätze fassende Festspielhaus füllen soll. Die Hauptstadt ist 35 Kilometer entfernt, das ist eine Stunde Fahrzeit mit dem Auto. Zwar ist die Straße geteert und ausgebaut, weil in der Nähe Ziniaré liegt, das Heimatdorf von Präsident Compaoré; zwar entstehen ein paar Kilometer entfernt demnächst Institute der Uni Ouagadougou und zwar liegt direkt neben dem Gelände in Laongo ein Skulpturenpark, der auch Besucher anzieht – trotzdem bleibt es weit draußen für viele Burkinabé, die meist Fahrräder oder Mopeds als Fortbewegungsmittel nutzen. Zudem kostet ein Liter Benzin fast einen Euro und ist damit gemessen am Einkommen sehr teuer.

„Macht damit, was ihr wollt“, hat Schlingensief über sein Projekt gesagt. Und selbst wenn dort, mitten in der rotstaubigen Savanne, niemals eine Oper auf die Bühne gebracht werden sollte – als gescheitert kann man das Projekt bereits jetzt nicht mehr erklären. Wegen der 50 Erstklässler, die dort ohne Schul- und Essensgeld lernen können und zu denen jedes Jahr neue dazukommen sollen. Und weil es die Ideen zu einfacher, effizienter Architektur von Francis Kéré bekannter gemacht hat.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 10.03.2012 © Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

Posted by Operndorf

Samstag,10. März 2012

Es ist ein Abend der gemischten Gefühle. Ein wenig traurig, auch lustig, ja, auf jeden Fall pathetisch. Irgendwie scheint er immer noch anwesend. Christoph Schlingensief hätte es ganz bestimmt gefallen.

Von

Denn es war vor allem sein Abend. Ganz besonders als Patti Smith in ihren offenen, schluffigen Meilenstiefeln und dem längst zur Marke gewordenen Fusselhaar im Hamburger Bahnhof zum Mikro greift und mit ihrer heilig-kratzigen Stimme ein Lied für ihren verstorbenen Freund anstimmt. "I am over the ocean... I am free", singt sie. Bei so viel Himmel, so viel Liebe, so viel Zusammenhalt hatte mancher - zumindest kurz - mit den Tränen zu kämpfen angesichts des frühen Todes des 49-jährigen Regisseurs. Vor zwei Jahren starb er an Lungenkrebs.

Freunde, Gönner, Sammler

Nun versucht seine Witwe, Aino, wie alle vertraut das mädchenhafte, durchscheinende Wesen nennen, sein letztes größtes Projekt zu vollenden: das afrikanische Operndorf in der Nähe der Hauptstadt von Burkina Faso. Die Schule ist eröffnet, nun soll eine Krankenstation folgen, als Krönung später einmal die große Bühne. Das ist Vermächtnis und Last zugleich. Schließlich war Schlingensief stets Dreh- und Angelpunkt der eigenen Arbeit, und ohne den charismatischen Kunst-Schamanen ist es schwer, die Mitte dieses Projektes zu halten. Geld ist sehr hilfreich, doch ein ganzes Dorf von Europa aus am Laufen zu halten, ist nicht ganz so einfach. Das braucht volle Leistung - und Ideale.

Dabei hat Aino Laberenz freilich ein tolles Unterstützerteam, sie erfährt viel Hilfsbereitschaft aus Berlin. Wie an diesem Abend. Sie sind alle da, etwa 400 Leute. Freunde, Bekannte, Gönner und Sammler wie Friedrich Christian Flick, Christian Boros und Julia Stoschek haben sich im Hamburger Bahnhof zur Versteigerung zusammengefunden. Insgesamt 84 Kunstwerke von prominenten Künstlern wie Baselitz, Havekost, Uecker, Graubner waren eingeliefert worden. Zum Ersten, zum Zweiten... - drei Stunden brauchte "Auktionator" Peter Raue, dann hatte er exakt 1,025 Millionen Euro mit dem Hammer eingetrieben - ein wunderbarer Erfolg. Der Erlös wird in den nächsten Bauabschnitt des Operndorfes fließen. "Im April geht es weiter", sagt Aino Laberenz, die ganz aufgedreht ist, "weil alle Christophs Projekt so unterstützen."

Den größten Versteigerungserfolg hatte Raue mit einer abstrakten, ein Meter großen Gouache des verstorbenen Künstlers Sigmar Polke, entstanden 1987. 66.000 Euro brachte sie - der Schätzwert lag bei 35.000 Euro. Sie ging an einen Hamburger Produzenten. Flick hatte das Werk aus seiner Sammlung spendiert. Nicht alle Werke waren freilich so erfolgreich, für Nairy Baghramians eigenwilligen "Waste Basket" (geschätzt 6000 Euro) aus Draht konnte keiner sein Herz erwärmen. So manches Werk ging allerdings unter dem Schätzwert an den Mann, darunter auch Hermann Nitschs blutrotes Schüttelbild und erstaunlicherweise Havekosts Gemälde "Glanz". Dafür brachte Gurskys großer "Gasherd" immerhin 33.000 Euro, der Schätzwert lag bei 25.000 Euro. Leicht fiel es Aino Laberenz sicher nicht, sich von einem "Burg"-Kostüm, das ihr Mann 2003 getragen hatte, zu trennen. Ein junger Mann schlüpfte zur Demonstration in rote Plateauschuhe, Puschelperücke und Rüstung. Alle klatschten, alle dachten wieder an Schlingensief. Der Hammer fiel bei 20.000 Euro.

Jenseits des reichen Geldsegens für Afrika war es ein schöner, solidarischer Abend. Dieser Moment der Gemeinsamkeit, der Verbundenheit aller Beteiligten sagt viel über die Größe der Ideen Christoph Schlingensiefs.

Quelle: Berliner Morgenpost, 10.3.2012

Posted by Operndorf

Samstag,10. März 2012

Arbeiten von Gursky, Baselitz und Olafur Eliasson: Mehr als eine Million Euro kam bei einer Auktion von Kunstwerken für Christoph Schlingensiefs Operndorf zusammen. Dazu gab es eine kapitale Finanzspritze: 250.000 Euro als Grundstock für eine Stiftung.

Hamburg/ Berlin - Christoph Schlingensiefs letztes Projekt lebt weiter. Seine Witwe Aino Laberenz hat mit einer Benefiz-Auktion mehr als eine Million Euro für das Operndorf ihres 2010 verstorbenen Mannes eingenommen. Das Geld soll den Weiterbau des Projektes in Burkina Faso finanzieren. Bisher war nur eine Schule fertig gestellt worden, jetzt soll eine Krankenstation folgen. Bei der Auktion im Berliner Museum Hamburger Bahnhof kamen 84 Werke unter den Hammer, die prominente Künstler und Galerien gespendet hatten.

Die Liste der Kunstwerke lockte mit einigen prominenten Namen: Neben Arbeiten von Marina Abramovic und Andreas Gursky waren auch Olafur Eliasson, Georg Baselitz und Günther Uecker vertreten. Den höchsten Preis bei der Versteigerung erzielte mit 66.000 Euro ein abstraktes Bild von Sigmar Polke. Ein Originalkostüm Schlingensiefs vom Wiener Burgtheater brachte 20.000 Euro, ebenso wie eine Türtafel, die Rock-Star Patti Smith ihrem engen Freund Schlingensief gewidmet hatte.

Schlingensief-Witwe Aino Laberenz freute sich sehr über den Enderlös. "Ein Wahnsinn, das hätte ich nie im Leben gedacht", sagte die 31-Jährige. "Ich habe immer im Kopf mitgerechnet: Jetzt kann ich die Krankenstation bauen, jetzt die Solaranlage, jetzt noch die Einrichtung für die Krankenstation, und jetzt sogar noch neue Schulräume!"

Im Oktober 2011 war die Schule in der Nähe der Hauptstadt Ouagadougou eröffnet worden. Bisher besuchen dort 50 Kinder aus den umliegenden Dörfern den Unterricht. Jedes Jahr sollen neue dazukommen, bis ganz am Schluss in einem dritten Bauabschnitt das eigentliche Opernhaus entsteht. Laberenz will bereits im April weiterbauen.

Christoph Schlingensief hatte noch wenige Monate vor seinem Tod die Grundsteinlegung des Projektes gefeiert, bevor er im August 2010 verstarb. "Wenn wir Geld sammeln, um ein Operndorf als Kraftzentrum zu bauen, dann sammeln wir das Geld nicht für die Leute dort. Wir sammeln das für uns", wird er auf der offiziellen Homepage der Auktion zitiert. "Wir sammeln das, damit die Leute vor Ort, denen das Dorf dann gehört und die da autonom leben, uns lehren, zu den kreativen Wurzeln zurück zu kehren."

Zusätzlich zu dem Erlös aus der Auktion erhielt das Operndorf jetzt eine weitere Finanzspritze. Der Unternehmer und Kunstsammler Friedrich Christian "Mick" Flick, der schon das Polke-Bild beigesteuert hatte, will dem Verein eine Viertelmillion Euro spenden. Das Geld soll Grundstock für eine Stiftung sein, um den laufenden Betrieb des Opernhauses zu finanzieren.

Quelle: SPIEGEL ONLINE vom 9.3.2012, avk/dpa

Posted by Operndorf

Freitag,09. März 2012

Berlin (dpa) - Es war ein wagemutiges Experiment, aber die Rechnung ist aufgegangen: Aino Laberenz, die Witwe des begnadeten Regisseurs Christoph Schlingensief, hat mit einer Kunstauktion mehr als eine Million Euro für den letzten großen Lebenstraum ihres Mannes eingenommen.

Mit dem Geld will die 31-jährige Bühnen- und Kostümbildnerin das Operndorf im bitterarmen Burkina Faso im Westen Afrikas weiterbauen, für das er noch kurz vor seinem Tod den Grundstein gelegt hatte. Im Oktober 2011 startete dort eine Schule, jetzt soll eine Krankenstation folgen.

«Dass sich so viele Menschen beteiligt haben, ist nicht nur für mich, sondern auch für Christoph eine ganz tolle Ermutigung», sagte Laberenz am Donnerstagabend bei der Auktion im Museum Hamburger Bahnhof in Berlin. «Im April baue ich weiter.»

Prominente Künstler und namhafte Galerien hatten mehr als 80 Werke für die Benefizveranstaltung gespendet. Bei der Versteigerung eines abstrakten Bildes von Sigmar Polke aus dem Jahr 1987 wird die Stimmung in der großen historischen Bahnhofshalle besonders nervös. Die Interessenten belauern sich gegenseitig, per Handy werden letzte Gebote anonymer Bieter eingeholt, bis bei 66 000 Euro schließlich der Hammer fällt - Rekord des Abends.

Aber auch Werke von Georg Baselitz, Christo & Jeanne Claude, Olafur Eliasson, Eberhard Havekost, Günther Uecker, Andreas Gursky und Wim Wenders gehen gut weg. Bei anderen muss der Berliner Rechtsanwalt und Kunstmäzen Peter Raue als Auktionator manchmal noch kräftig die Werbetrommel rühren, manches bleibt auch ganz liegen. Trotzdem: Am Schluss zeigt der Rechner stolze 1 025 000 Euro.

«Ein Wahnsinn, das hätte ich nie im Leben gedacht», sagt Laberenz noch ganz aufgeregt der dpa. «Ich habe immer im Kopf mitgerechnet: Jetzt kann ich die Krankenstation bauen, jetzt die Solaranlage, jetzt noch die Einrichtung für die Krankenstation, und jetzt sogar noch neue Schulräume!» Bisher besuchen 50 Kinder aus den umliegenden Dörfern die Schule unweit der Hauptstadt Ouagadougou. Jedes Jahr sollen neue dazukommen, bis ganz am Schluss in einem dritten Bauabschnitt das eigentliche Opernhaus entsteht.

Für besonders bewegende Momente bei der Versteigerung sorgte die amerikanische Sängerin und Künstlerin Patti Smith. Sie trug vor den rund 400 Gästen ein Lied vor, das sie für den einstigen engen Freund geschrieben hat. «Ich weiß, dass Christoph glücklich ist, weil ich immer mit ihm in Verbindung stehe», sagte die 65-Jährige.

Eine Schlingensief gewidmete Türtafel von ihr mit einem tränenden Herz sowie ein Originalkostüm des Regisseurs vom Wiener Burgtheater wurden für jeweils 20 000 Euro ersteigert - die anonymen Bieter wollen sie der Neuen Nationalgalerie schenken, die die Auktion mit ihren Räumen und viel Sachverstand unterstützt hatte.

Und noch eine andere gute Nachricht konnte Auktionator Raue verkünden: Der Unternehmer und Kunstsammler Friedrich Christian «Mick» Flick, der schon das Polke-Bild beigesteuert hatte, will dem Verein eine Viertelmillion Euro spenden. Das Geld soll Grundstock für eine Stiftung sein, um den laufenden Betrieb des Opernhauses zu finanzieren. «Ich kann nur ahnen, wie sehr sich Christoph gefreut hätte», sagte Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann. Schlingensief war im August 2010 mit 49 Jahren an Lungenkrebs gestorben.

Quelle: dpa vom 09.03.2012. Foto: Jörg Carstensen

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Posted by Operndorf

Donnerstag,08. März 2012

Eine Kunstauktion zugunsten von Christoph Schlingensiefs Afrika-Projekt

An die 80 Werke kommen in Berlin unter den Hammer. Von Marcus Woeller

Gerhard Richter hätte ruhig einmal über seinen Schatten springen können. Gerade jetzt, da er mit einer Retrospektive in der Berliner Neuen Nationalgalerie zu seinem 80. Geburtstag geehrt wird. Doch er hat kein Bild beigesteuert zur "Auktion 3000", einer Benefizversteigerung zugunsten des Operndorfs Remdoogo in Burkina Faso, dem letzten großen Projekt von Christoph Schlingensief. Hallt der Streit von 2010 etwa noch nach?

Auf die Ernennung Schlingensiefs als Künstler des Deutschen Pavillons auf der Biennale von Venedig hatte Richter damals gereizt reagiert: "Das ist ein Skandal. Die nehmen einen Performer, dabei haben wir Tausende Künstler." Schlingensief konnte seine Pläne für Venedig nicht mehr umsetzen, der Pavillon gewann in der Umsetzung der Kuratorin Susanne Gaensheimer dennoch den Goldenen Löwen - und der Niedergang der Malerei, den Richter wohl befürchtete, ist auch noch nicht besiegelt.

"Christoph Schlingensief interessierte sich weder für die Aufteilung in Kunstsparten, noch für die Auflösung dieser Sparten", schreibt Chris Dercon, seit 2011 Direktor der Tate Modern und davor Direktor des Hauses der Kunst in München, im Auktionskatalog, "er ließ sich einfach nur nichts vorschreiben". Insofern erscheint die Auswahl der Kunstwerke für die Versteigerung zunächst fast zu klassisch: Malerei, Grafik und Fotografie, Skulptur und Installation, Video und dokumentierte Performance. An die 80 Werke kommen unter den Hammer, der Erlös geht in voller Summe an die Festspielhaus Afrika GmbH, die Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz als Vermächtnis ihres Mannes weiterführt.

Das persönlichste Exponat (Schätzpreis 8.000 Euro) kommt von der New Yorker Künstlerin, Sängerin und Performerin Patti Smith. Auf einer Holzplatte richtet sie ihre Worte direkt an Schlingensief: "Dear Christoph/off: Here are a few souvenirs of our days, our friendship on earth and in the stratosphere of love and memory." Die Idee zum Auktionsprojekt hat Laberenz gemeinsam mit Peter Raue, der als Auktionator fungiert, entwickelt. Der Rechtsanwalt und ehemals langjährige Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie hatte Schlingensief nicht nur juristisch vertreten, sondern war auch eng mit ihm befreundet. Umso mehr freut es ihn nun, hochkarätige Künstler gefunden zu haben, um dieses Projekt zu unterstützen.

Die Liste der eingestellten Lose liest sich wie das Who's who der zeitgenössischen Kunst, gespendet wurden die Werke nicht nur von den Künstlern oder ihren Galerien selbst, sondern auch von Privatsammlern. Von Hermann Nitsch, dessen Happeningkunst den Aktionen Schlingensiefs emotional sehr nahe steht, kommt ein blutrot triefendes Schüttbild von 1988 (Schätzpreis 15.000 Euro). Die Friedrich Christian Flick Collection stellt eine Gouache von Sigmar Polke aus dem Jahr 1987 zur Verfügung (Schätzpreis 35.000 Euro).

Der höchste Schätzwert wird mit 50.000 Euro für Eberhard Havekosts Ölgemälde "Glanz" aus dem Jahr 2000 angegeben. Zunächst wurde im November die Schule in Burkina Faso eröffnet, an der 50 Kinder unterrichtet werden. Nun soll eine Krankenstation errichtet werden, Wohn- und Gästehäuser, Künstlerresidenzen, aber auch eine Solaranlage. Das Operndorf bedeutete für Schlingensief Entwicklungshilfe zur Selbsthilfe, gelebte Sozialplastik und eben nicht aus dem Geiste der Bevormundung durch westliche Überzeugungen. Die Auktion 3000 funktioniere auf gleiche Weise, so Chris Dercon, "es ist eine Transaktion zwischen denen, die etwas haben, und denen, die etwas anderes haben. Würden nur alle Schätzpreise erreicht, käme schon fast zusammen.

Quelle: WELT ONLINE vom 8.3.2012

Posted by Operndorf

Dienstag,06. März 2012

Macht für mich weiter, gebt nicht auf!“ So hat es sich der verstorbene Regisseur Christoph Schlingensief gewünscht. Nun spenden berühmte Künstler in der „Auktion 3000. Von Afrika lernen“ Werke für sein Operndorf in Burkina Faso.

Christoph Schlingensief ist es nicht vergönnt gewesen, weiterzumachen, gar zu Ende zu bringen, was in in den letzten beiden Jahres seines kurzen Lebens noch umgetrieben hatte, sozusagen zu seinem Vermächtnis wurde, um hier mal pathetisch zu werden.

Aber seine junge Witwe Aino Laberenz und seine vielen Freunde machten und machen weiter. In zwei Tagen ist denn auch ganz großer Bahnhof: eine Benefizversteigerung von Werken berühmter Künstler im Berliner Museum Hamburger Bahnhof. Die „Auktion 3000. Von Afrika lernen“ will mit so viel ersteigertem Geld wie möglich Schlingensiefs afrikanisches „Zukunftsreservoire“ mit aller Kraft fördern, aus Freundschaft, aus Solidarität – und wegen des Glaubens. Ein Glauben, dem Christoph Schlingensief fast religiös anhing – dass Kunst am Ende die Welt doch ein wenig besser, lebenswerter und schöner machen kann.

Die fast letzten Film-Aufnahmen des im August 2010 verstorbenen charismatischen Theatermannes, Filmemachers und Kunst-Tausendsassas zeigten den knapp 50-Jährigen mager, vom Krebs gezeichnet, nach jedem zehnten Schritt um Kraft und Luft ringend, aber tapfer und zäh, getrieben vom unbändigen Willen, vor Bauten und meistens mit Kindern des Mossi-Stammes in Burkina Faso.

Das Land liegt in Westafrika, innen, wo der Niger einen Bogen macht und es grenzt an Mali, Niger, Benin, Togo, Ghana und die Elfenbeinküste. Die einstige französische Kolonie Obervolta erlangte 1960 ihre Unabhängigkeit. 1984 wurde der Name des Landes in Burkina Faso („Land der Ehrenwerten“ oder „Land der Aufrichtigen“) geändert. Es war und ist noch immer eines der ärmsten Länder, der Welt.

Schlingensief hat es noch geschafft, dort, in einem Dorf nahe der Hauptstadt Ouagadougou, eine Schule zu bauen und zum Laufen zu bringen; 50 Kinder lernen seit letztem Herbst in dem kinderfreundlichen Haus, das in der vom Architekten Francis Kéré schneckenförmig entworfenen Gesamtanlage steht. Schlingensiefs nächstes Ziel war ein Operndorf.

„Mein wichtigstes Projekt“, wie er immer betonte. Keine Entwicklungshilfe, sondern ein Kunstprojekt, an dem alle Dorfbewohner teilhaben, an dem sie dauerhaft mitwirken, womit sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Mit Krankenstation und Solaranlage für eigenen Strom. Eine „soziale Plastik“, schwebte dem aus Oberhausen stammenden Visionär Schlingensief vor, ganz im Sinne des Utopisten vom Niederrhein, Joseph Beuys.

Pragmatisch dachte Schlingensief dabei – und zugleich wollte er das Ganze auch symbolisch: Als Zeichen fürs Mögliche, fürs Gute, Schöne, Hoffnungsvolle inmitten der Armut und aller scheinbaren Vergeblichkeit auf dem Kontinent.

Für Schlingensief hat sich keiner bitten lassen: Nicht Peter Raue von den Freunden der Nationalgalerie, Kunstkenner und erklärter Freund der Künstler − er übernimmt den Part des Auktionators. Werke, deren Schätzpreis zusammen schon eine Million Euro ergibt, wurden gespendet: von Matthew Barney ein C-Print-Bild aus dem mystischen „Cremaster.3“-Film, von Patti Smith eine Zeichnung mit Widmung für den Freund Schlingensief.

Unter den Hammer kommen Spenden aus deutschen und Berliner Galerien, so Bilder und Objekte von Katharina Sieverding, Andreas Gursky, Marina Abramovic, Michael Wesely, Koto Bolofo, Pipilotti Rist, Georg Baselitz, Olafur Eliasson, Wolfgang Tillmans, Christo, Günther Uecker, Wim Wenders, Herrmann Nitsch, Gotthard Graubner, Valie Export, Andreas Hofer, John Bock, Elmgreen & Dragset.

Das liest sich wie das „Best of“ der Kunst der letzten 20 Jahre – und ist es auch. Großsammler Friedrich Christian Flick, seines Zeichens Mäzen der Rickhallen am Museum Hamburger Bahnhof, steuert nicht nur ein kostbares Sigmar Polke-Bild bei. Er legt auch gleich noch 250.000 Euro aus eigener Tasche dazu. Bauphase zwei in Burkina Faso rückt nahe. Und Schlingensief ist nicht tot.

Auktion 3000: Donnerstag, 8. März, im Hamburger Bahnhof. Invalidenstr. 50/51 (Tiergarten). Einlass 19 Uhr, Beginn 20 Uhr.

Quelle: Berliner Zeitung vom 06.03.2012

 

Posted by Operndorf

Donnerstag,01. März 2012

Die Versteigerung von über 80 Kunstwerken soll den Weiterbau von Christoph Schlingensiefs Operndorf im afrikanischen Burkina Faso garantieren. In der Auktion befinden sich viele Werke bekannter Künstler, die eines gemeinsam haben: Sie schätzen Schlingensiefs Vision.

Von Ingeborg Wiensowski

Sein letztes und wichtigstes Projekt und sein letzter großer Wille war das Operndorf Afrika. Ein "sozialer Klangkörper" sollte es nach Christoph Schlingensiefs Worten werden, eine "soziale Plastik", in der das Leben die Kunst ist.

Als Schlingensief am 21. August 2010 an Lungenkrebs starb, hatte er sein "Kraftzentrum" im westafrikanischen Staat Burkina Faso, 30 Kilometer östlich der Hauptstadt Ouagadougou, schon angeschoben. Er hatte den Architekten Francis Kéré engagiert und mit ihm seine Träume und Ideen für eine Schule mit Film- und Musikklassen, für Werkstätten, ein paar Wohn- und Gästehäuser, für eine Siedlung, eine Kantine und ein Café, für Büros, einen Fußballplatz, eine Krankenstation und für ein Theater mit Bühne, Festsaal und Proberäumen in Plänen festgelegt. Und er hatte am 8. Februar 2010 den Grundstein für seine Vision eines afrikanischen Operndorfes gelegt.

Eine Schule für das Operndorf

Seine Frau Aino Laberenz hatte Schlingensief so tief in sein Projekt einbezogen, dass sie an seinem großem Lebenstraum weiterarbeiten kann. Und wie! Schon im Oktober 2011 wurden mit einem Fest zwei Schulgebäude, zwei Wohnhäuser für Lehrer und fünf Küchen- und Wirtschaftsgebäude auf den zur Verfügung stehenden fünf Hektar Land eingeweiht. Seitdem besuchen 25 Jungen und 25 Mädchen aus den umliegenden kleinen Dörfern die Schule, in der es auch Kunst-, Film- und Musikklassen gibt.

Jetzt steht der nächste Bauabschnitt an. Die Festspielhaus GmbH, der Laberenz vorsteht, will 2012 eine Krankenstation, eine große Solaranlage, Wohnhäuser für Krankenschwestern und Pfleger, Gästehäuser und Künstlerresidenzen realisieren. Auf rund 500.000 Euro werden sich die Kosten belaufen, und weil das Auswärtige Amt abgesprungen ist und nur noch vom Goethe-Institut öffentliche Mittel kommen, muss nun fast der gesamte Betrag durch private Spenden aufgebracht werden.

Kunst für die Finanzierung der "sozialen Plastik"

Wie das gehen kann, ist gerade im Hamburger Bahnhof, Museum für Gegenwart in Berlin, zu besichtigen. Dort hängen und stehen nämlich in vier Räumen rund 80 zeitgenössische Kunstwerke - Gemälde, Fotografien Zeichnungen, Videos und einige Skulpturen -, die von Künstlern, von Galerien oder von privaten Förderern geschenkt wurden und die in der "Auktion 3000" zugunsten des Operndorfs am 8. März öffentlich versteigert werden sollen. Geschätzter Wert: rund eine Million Euro.

Zu verdanken ist das der unermüdlichen Arbeit von Aino Laberenz, dem Team ihrer gemeinnützigen GmbH, vielen Freunden und Förderern Schlingensiefs und der Nationalgalerie, die die Ausstellung und die Auktion im Hamburger Bahnhof ermöglicht. Laberenz hat Kontakte zu Künstlerfreunden und Kollegen ihres gestorbenen Mannes geknüpft, ihr Anliegen zum Weiterbau des Operndorfes vorgetragen und um ein Werk für die Versteigerung gebeten. "Es war unglaublich schön, wie die Künstler auf meinen Anruf oder einen Brief reagiert haben, wie sehr sie Christoph geschätzt haben, wie liebevoll und begeistert sie über ihn und seine Arbeit sprechen und das Operndorf als sein Projekt unterstützen wollen", sagt Laberenz.

Als sie zum Beispiel Matthew Barney anrief, dessen Telefonnummer sie im Mobiltelefon ihres Mannes gefunden hatte, sagte der sofort eine Arbeit zu. "Cremaster 3: Plumb Line" heißt die wunderbare Fotoarbeit des Amerikaners im typischen Barney-Acrylrahmen, die gleich im ersten Raum hängt, auf 19.500 Euro geschätzt ist und mit Sicherheit bei der Auktion mehr einbringen wird.

Auch "Gasherd", ein frühes Foto von Andreas Gursky, kommt direkt vom Künstler und wird sicherlich die geschätzte Summe von 25.000 Euro übersteigen. Bekannte Künstlernamen gibt es viele: Olafur Eliasson hat ein silbern reflektierendes Skateboard in einem Glaskasten gestiftet, vom Fotografen Thomas Struth kommt das Foto "Pacific Heights Place" von 2006 für 10.000 Euro, und auf den gleichen Wert ist die Fotografie "Streetcorner in Butte, Montana" von Wim Wenders geschätzt. Von Patti Smith, die noch kurz vor Schlingensiefs Tod in München zusammen mit ihm ausgestellt hatte, ist eine große MDF-Platte mit geschriebenen und gezeichneten Freundschaftsbezeugungen in der Auktion.

Wie sehr Schlingensief, seine Haltung und Arbeit von seinen Kollegen geschätzt wurde, zeigt die prominente Künstlerliste: Rebecca Horn, Marina Abramovic, Georg Baselitz, Gotthard Graubner, Hermann Nitsch, Günther Uecker oder Robert Wilson. Und es finden sich Namen junger Kollegen wie Keren Cytter, Martin Eder, John Bock, Monica Bonvicini, Eberhard Havekost, Nairy Baghramian oder Michael Sailstorfer. Auch ein Bühnenkostüm von Schlingensief kann man ersteigern, das er in seiner Burgtheater-Produktion "Bambiland" selbst getragen hat.

Von Afrika lernen

Kein Zweifel, die Arbeit an Schlingensiefs Operndorf geht weiter, von der anfangs heftig geäußerten Skepsis ist kaum noch etwas zu hören. Und wer danach fragt, warum eine Krankenstation noch vor einem Festspielhaus zu einem Operndorf gehört, der muss sich nur mit Aino Laberenz unterhalten. "Von Afrika lernen", das sei keine eingängige Parole, sagt sie und spricht wie Schlingensief von "den spirituellen und kulturellen Schätzen Afrikas", die wir längst schon "verspielt haben", von der Realität eines Krankenhauses, in dem ein Kind geboren, wo das soziale Umfeld im Auge behalten wird und Menschen aus der Gegend Arbeit finden. "Wir müssen die Kunst im Leben ansiedeln", sagt Laberenz, dann könne die Trennung von Kunst und Leben aufgehoben werden.

Sie sei viel realistischer und pragmatischer als ihr Mann, sagt sie. Aber wenn sie von ihren Besuchen bei den zwei benachbarten Häuptlingen erzählt und den Ritualen, mit denen die beiden das Land befragten, ob das Operndorf willkommen sei, von der Respektierung ihres Wunsches, dass gleich viele Mädchen und Jungen in die Schule kommen sollten, von ihren Plänen, den Dorfplatz zu befestigen und vielleicht dort schon jetzt Filme zu zeigen oder Künstlern einen Platz für Aktionen zu geben, dann hört man die gleiche Begeisterung, mit der Schlingensief jeden überzeugen konnte.

Und man ist überzeugt, dass hier im ärmsten Land Afrikas Schlingensiefs Wunsch für alle wahr werden wird, nämlich "dass wir unsere Begriffe von Kultur, Kunst, Oper usw. neu aufladen".

Auktion 3000 für das Operndorf am 8.3. um 20 Uhr in Berlin im Hamburger Bahnhof und im Internet. Besichtigung bis 4. März und unter der Website www.auktion3000.com

Quelle: SPIEGEL ONLINE vom 28.2.2012

Posted by Operndorf

Dienstag,28. Februar 2012

„Auktion 3000“ für Christoph Schlingensiefs Operndorf: Im Hamburger Bahnhof werden über 80 Kunstwerke versteigert.

Die Geschichte ist schon oft erzählt worden, aber sie wird immer besser. Eine Vision konkretisiert sich, ein Traum wächst aus dem Boden. In Bayreuth inszeniert Christoph Schlingensief den „Parsifal“. Der Wagner-Gral zieht in magisch an, stößt ihn ab, die Aufführung schafft dem Festspiel auf dem Grünen Hügel viele neue Freunde. Schlingensief wird die Idee nicht mehr los, ein Festspielhaus in Afrika zu gründen. Im Februar 2010 legt er den Grundstein für sein Operndorf in die Erde von Burkina Faso, auf einem Plateau bei der Hauptstadt Ouagadougou. Ein halbes Jahr später stirbt Christoph Schlingensief an seinem Krebs in Berlin.

Der Rest ist nicht Schweigen, sondern ein Wunder: Bereits im Oktober 2011 wird der erste Bauabschnitt des Schlingensief-Dorfes Remdoogoo abgeschlossen und eine Schule eröffnet.

50 Kinder aus der Umgebung gehen dort zum Unterricht. Niemand hätte so etwas für möglich gehalten. Doch die Reizwortkombination Oper und Dorf, Oper und Afrika hat funktioniert und ebenso viel Enthusiasmus wie Skepsis ausgelöst. Die Zweifel schwinden. Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, ist die Bauherrin. Wenn sie „ich“ sagt, „ich fliege nach Burkina“ oder „ich kümmere mich“, dann heißt das „wir“, meint all die Helfer und Berater, die an ihrer Seite stehen – und etwas vom großen Christoph-Ich ist auch übergegangen auf sie nach seinem Tod. Etwas von seiner Fantasiekraft, seiner Energie.

Wie anders hätte sie es sonst ins Werk gesetzt, was den verblüfften Besucher da jetzt im Hamburger Bahnhof erwartet? Eine Ausstellung zeitgenössischer Kunst, kraftvoll und prominent, ein großer Miniaturbahnhof mehr oder weniger zufälliger Selbstinszenierungen und Schlingensief-Referenzen. Glücklich wie ein Kind vor einer riesigen Geburtstagsparty geht Aino Laberenz durch die Räume. Nicht einmal drei Monate hat die Beschaffung gedauert, und es geht immer noch weiter. „Wir erwarten nachher Jürgen Teller, den Fotografen.“ Auch er will dabei sein, etwas spenden. Sie hat Favoriten; das Foto eines „Gasherds“ von Andreas Gursky, blaue Flammen bilden eine Aureole; ein Werk von Matthew Barney mit Katze; ein tänzerisches Diagramm von Marina Abramovic. Im Grunde würde sie all diese Arbeiten, die private Sammler, Galerien und Künstler dem Operndorf-Projekt zur Verfügung gestellt haben, mit nach Hause nehmen. So gerührt ist sie.

Und als Geschäftsfrau sieht sie auch das Potenzial an den Wänden. Die reichlich achtzig Werke, im Westflügel zu sehen, sind zur Versteigerung in den Hamburger Bahnhof gekommen; Schätzwert insgesamt eine Million Euro. Mit dem Erlös der „Auktion 3000“ soll der zweite Bauabschnitt des afrikanischen Dorfes finanziert werden, vor allem eine Krankenstation. Was das mit Oper zu tun hat? Christoph Schlingensief war begeistert vom „erweiterten Opernbegriff“. Eines Tages soll es in Remdoogoo auch Aufführungen geben, Kino, was man hierzulande unter Kultur versteht. Francis Kérè, der Architekt aus Burkina Faso, hat mit Schlingensief zusammen die Bühne entworfen, ein leichtes, luftiges, spriralförmiges Zauberhaus, das schon als ungebautes Projekt nach Deutschland zurückstrahlte.

Die Benefiz-Auktion im Hamburger Bahnhof wird von Peter Raue zelebriert, der sich auch um den Fortgang der Bauarbeiten im Operndorf kümmert. Sie wird unterstützt vom Berliner Museumsdirektor Udo Kittelmann, Klaus Biesenbach (MoMA) und Chris Dercon (Tate Modern), der von Schlingensief sagt, er habe sich weder für die Aufteilung der Kunstsparten noch für deren Auflösung interessiert: „Er ließ sich einfach nur nichts vorschreiben.“ Oder er hat sich für so vieles, wenn nicht alles interessiert. Film, Theater, Performance, Bildende Kunst, Fernsehen. Wenn Schlingensiefs spektakuläre Aktivitäten auf der Bühne seine Arbeiten in Museen und Galerien überlagert haben, dann zeigen die gut gefüllten Räume im Hamburger Bahnhof die Wertschätzung, die er bis heute unter Bildenden Künstlern genießt. Eberhard Havekost, Rebecca Horn, Christo, Gotthard Graubner, Günther Uecker, Sigmar Polke, Pipilotti Rist, Wolfgang Tillmans – sie alle sind vertreten.

Man begreift hier auch, warum Schlingensief den deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig gestalten sollte. Seine überschäumende Art hat auch den durchkuratierten Kunstbetrieb begeistert. Davon zeugt Katharina Sieverdings blau-schwarz glühendes Himmelsgestirn „Die Sonne um Mitternacht schauen“. Ganz unmittelbar auf die Person bezieht sich Patti Smith mit ihrer Zeichnung für Christ/oph. In zarter Schrift hat die Sängerin und Poetin auf einer zwei mal ein Meter großen Platte Wörter und Zeichen hinterlassen; „love“ und „memory“ und „stratosphere“, eine Liebesbotschaft. In München haben die beiden 2010 gemeinsam ausgestellt.

Und als ob er selbst dastünde, befindet sich unter den Auktionsobjekten auch ein Kostüm seiner „Bambiland“-Inszenierung am Wiener Burgtheater (2003). Teufelsrote Plateaustiefel, Brustpanzer, Federbusch, so raste er damals über die Bühne, wirbelte die Kunst- und Kulturgeschichte auf. Schlingensief war schon immer Oper gewesen, lange vor Bayreuth, große Oper: im Lächerlichen wie im Grandiosen. Im Leben wie im Tod.

Die „Auktion 3000“ für das Operndorf findet am 8. 3. um 20 Uhr im Hamburger Bahnhof statt. Die Arbeiten sind bis zum 4. 3. dort zu besichtigen.

www.auktion3000.com

Quelle: Der Tagesspiegel, 25.2.2012. Fotos: Stefan Korte

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Posted by Operndorf

Dienstag,28. Februar 2012

Am 8. März werden in Berlin im "Hamburger Bahnhof" zugunsten von Christoph Schlingensiefs "Operndorf Afrika" Werke namhafter Künstler, wie Baselitz, Christo oder Eliasson, versteigert. Die vorgestellten Werke werden bis zum 4. März zu sehen sein: Der Wert ist auf eine Million Euro taxiert.

Von Jürgen König

Auf die Frage, was er mit seinem "Operndorf" meine, sagte Christoph Schlingensief einmal, es ging ihm nicht um Arien und Sinfonieorchester, sondern darum, mit einem Dorf einen Organismus zu schaffen, der ein Eigenleben entwickelt, eine "Kunstplattform" wird: als Basis für Kinder und Jugendliche und Erwachsene.

Die Missverständlichkeit des Begriffes sei ihm willkommen: Sei eine Einladung, unsere Begriffe von Kultur, Kunst, Oper usw. neu "aufzuladen", unsere Batterien seien da "ziemlich leer". "Von Afrika lernen": der Grundgedanke des Schlingensief'schen Operndorfes. Was früher auch belächelt wurde, nimmt langsam Gestalt an. Bis zum Festspielhaus als zentralem Bau ist es noch ein weiter Weg, aber die Schule ist fertig, seit Oktober wird unterrichtet. 50 Kinder lernen schreiben, lesen, rechnen, "Kunst" steht täglich auf dem Stundenplan - und, wann immer es geht: Film.

Aino Laberenz, die Witwe Christoph Schlingensiefs und Geschäftsführerin des Operndorfes:

"Burkina Faso hat das größte Filmfestival von Westafrika und deswegen auch eine ziemlich große - also das war das, was Christoph natürlich auch extrem interessiert hat, er kommt selber aus dem Film, für ihn war das interessant. Burkina ist eben ein verdammt armes Land, hat aber eine irrsinnig große Kunstszene und Kulturszene und hat eben versucht, den Fokus weg von diesem "hungernden Kind", sondern zu dem Schatz für ihn, den sie dort haben, wo man auch genau merkt, das ist der Anspruch an die Leute, dass sie sich eben nicht immer nur so runter reduziert gefühlt haben, sondern als ein Gegenüber auch gesehen haben."

16 Häuser umfasst die Schule: mehrere Klassenräume, eine Lehrerwohnung, eine Kantine, ein Tonstudio, einen Filmraum. Rund 500.000 Euro an Spenden wurden dafür ausgegeben, als nächstes soll die Schule erweitert und eine Krankenanstalt gebaut werden. Zum deutschen Beirat des Operndorfes - einen weiteren Beirat gibt es in Burkina Faso - zum deutschen Beirat gehört auch Peter Raue, Rechtsanwalt, Kunstkenner, Kunstförderer und Auktionator bei der bevorstehenden "Auktion 3000":

"Der Gedanke, dass wir mit dem Ergebnis der Auktion die Krankenanstalt als nächstes bauen können, die Schulerweiterung, denn es müssen ja jedes Jahr 50 neue Schülerinnen und Schüler kommen, ich hab die in der Unterrichtsstunde erlebt, da geht Ihnen einfach das Herz auf. Und das ist vielleicht auch das Besondere der Auktion, dass wir nicht sozusagen rundum gefragt haben: habt ihr ne Graphik für uns oder ein Bild?, sondern dass das alles Menschen, Künstler sind, die vom Werk ... "Werk" ist mir zu knapp, von der Sozialen Plastik, von der Christoph Schlingensief redete, überzeugt waren. Und das macht auch fast schon den Reiz aus, das ist nicht einfach irgendwo gesammelt, sondern das sind alles Menschen, die einen Bezug haben."

Zum Beispiel die Sängerin Patti Smith. Von ihr lehnt eine Holzplatte an der Wand, groß wie eine Tür und strahlend weiß, darauf in der Mitte, mit der Hand geschrieben, Zeilen, die wie in einen Trichter hineinfallen, der Trichter ist ein Herz: "Dear Christoph, dear Christoph, dear Christoph, here are a few souvenirs of our days, our friendship on earth and in the stratosphere of love and memories."

Von Günter Uecker ein dunkler Baumstamm wie ein Hals, oben ein Juteverband wie um einem Kopf herum, in diesen Kopf hineingeschlagen: die Uecker'schen Nägel, sehr viele, große, wuchtige, eisenschwarze Nägel, die Spitzen in den Kopf hineingetrieben. Von Andreas Gursky ein Foto eines alten weißen Gasherdes, einsam steht er in einer weiß gestrichenen Ecke einer alten Küche, Töpfe stehen nicht auf dem Herd, aber die drei Gasflammen brennen leuchtend blau.

Matthew Barney, Georg Baselitz, Christo und Jeanne- Claude, Olafur Eliasson, Carsten Nicolai, Sigmar Polke, Pipilotti Rist, Klaus Staeck, Robert Wilson - große Namen. Ihre Bilder, Zeichnungen, Collagen, Objekte drängen sich in zwei Räumen, nicht als Ausstellung gehängt, sondern für eine Versteigerung.

80 Arbeiten. Die von den Künstlern vorgegeben Preise addieren sich auf etwa 1.000.000 Euro; was die Versteigerung bringt, wird man sehen. Abgesehen von der Mehrwertsteuer wird kein Aufpreis erhoben, der "Hammerpreis" geht in voller Höhe ins Operndorf nach Burkina Faso.

Das ist bitter nötig, denn abgesehen von einer Beteiligung des Goethe-Instituts gibt es keine öffentlichen Gelder, vielleicht auch deshalb nicht, meint Peter Raue, weil das Projekt deutschen Politikern schwer verständlich zu machen sei:

"Das ist kein Entwicklungshilfeprojekt. Der Satz von Christoph Schlingensief 'Von Afrika lernen!', der ist ganz tief in meinem Herzen, weil das das Entscheidende ist. Irgendwer in Burkina Faso ... hochrangiger deutscher Politiker, der hat uns gesagt: 'Also ihr könnt die Schule doch nur betreiben, wenn ihr Lehrer aus Europa nehmt.', den haben wir angeschaut, als sei der nicht ganz bei Tro ... genau das Gegenteil ist der Fall! Und es ist ein Projekt in Afrika für die Afrikaner. Und wir geben einfach nur die Basis, damit das sozusagen von alleine 'laufen kann' ist zu unschön ... 'leben kann' ist das richtige Wort."

Quelle: Deutschlandradio Kultur, Fazit, 23.2.2012.
Alle Fotos: Stefan Korte

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Posted by Operndorf

Sonntag,05. Februar 2012

Etwas versteckt zwischen vier Männern sitzt Christoph Schlingensiefs Witwe, Aino Laberenz, vor einer großen Leinwand mit der Aufschrift "Operndorf Afrika" und blickt schüchtern in die Runde. Mit brüchiger Stimme beginnt sie von dem Projekt ihres an Lungenkrebs gestorbenen Mannes zu erzählen. Kaum vorstellbar, dass die zarte, etwas zerbrechlich wirkende Frau neben der Trauer auch noch das große Projekt zu tragen hat, von dem Schlingensief sagte, es sei sein wichtigstes.
 
2008 hatte der Film- und Theaterregisseur das Langzeitprojekt ins Leben gerufen. Einen Ort des kulturellen Austauschs zu schaffen und "von Afrika lernen", war sein großer Lebenstraum, dessen Realisierung er nicht mehr erleben durfte. Seit seinem Tod im August 2010 wird das Projekt von Aino Laberenz fortgesetzt. Bei den dritten Lessingtagen des Hamburger Thalia Theaters sprach sie am Donnerstag mit Aktionskünstler John Bock, Kunstsammler Harald Falckenberg, Intendant Matthias Lilienthal und Moderator Wolfgang Höbel über Schlingensiefs Vermächtnis.
"Keine unmögliche Idee, die nur des Profites wegen entstehen soll, sondern die Idee, Afrika offiziell beklauen", so hatte es Schlingensief provokant formuliert. "Kein goethereisender Kunstschnösel, der den Afros mal zeigt, was deutsche Kultur so alles kann." Statt die deutsche Oper nach Afrika zu bringen, wollte Schlingensief den Opernbegriff von seinem Sockel stürzen. In Anlehnung an Beuys, die westliche Vorstellung von einem Kunstwerk auf den Kopf stellen, um der Kunst Leben einzuhauchen.
 
"Die Grundidee war unser Bild von Afrika zu ändern. Das Bild, das wir uns machen, in dem Afrika immer arm ist und wir immer helfen müssen", erklärt Laberenz. Auch wenn Burkina Faso das ärmste Land Afrikas sei, habe es doch eine reiche Kultur, die uns viel zu bieten habe. All unsere Afrika-Bilder seien von uns gemacht und daher trügerisch. In der Schule des Operndorfes, die neben regulären Fächern auch Film-, Kunst- und Musikunterricht anbietet, sollen die Kinder lernen, uns ihre eigenen Geschichten zu erzählen. Dort fange die Oper schon an.
Was aus dem Dorf einmal werden soll, ob am Ende afrikanische Künstler Wagners Opern aufführen, oder das Dorf zu einer Auftankstation für europäische Künstler werde, davon wolle sich die 30-Jährige lösen. "Das sollen die Afrikaner selbst entscheiden, ohne jegliche Erwartungshaltung." Die Menschen einbeziehen, Materialien von dort beschaffen und mitbestimmen lassen, darin liege der Unterschied zur Entwicklungshilfe. "Das Ding wird wachsen und wir dürfen zusehen, aber nicht mitreden", hatte Schlingensief gesagt und gefordert: "Macht mit unserem Geld, was ihr wollt."
 
Schlingensiefs Idee schwebt über allem. Während die Herren der Diskussionsrunde diskutieren, was Schliengensief eigentlich gemeint hatte, ist Laberenz schon längst in der Realität angekommen. Das Operndorf nahe der Hauptstadt Ouagadougou nimmt mittlerweile Formen an. Der erste Bauabschnitt mit der Schule ist fertig, im Oktober 2011 wurde die Eröffnung gefeiert und sobald wie möglich geht es mit dem zweiten Bauabschnitt weiter. Nur das Geld fehlt noch, etwa eine halbe Million Euro.
 
Ein Krankenhaus soll gebaut werden. "Das Wort Oper kenne ich nicht, aber operieren, das brauchen wir hier", habe eine afrikanische Frau einmal zu Schlingensief gesagt. Mit dem dritten Bauabschnitt werde dann die Oper als Herz des Dorfes entstehen. So frei die Idee vom Operndorf ursprünglich auch gedacht war, jetzt gehe es auch darum Verantwortung für das Projekt zu übernehmen, für die Menschen, die daran beteiligt sind.

dapd, 3.2.12

Posted by Operndorf

Sonntag,05. Februar 2012

Als Partner der Berliner Filmfestspiele engagiert sich der hessische Ökostromversorger ENTEGA dafür, die CO-Bilanz der Berlinale zu verbessern.

Das diesjährige Motto von ENTEGA für die Berlinale sollte die Menschen auf besondere Weise involvieren und lautete: "Es gibt viele gute Gründe für erneuerbare Energien. Erzähl uns deine und unterstütze dadurch das Klimaschutz-Engagement der Berlinale."

Für jeden im Zeitraum vom 9. bis 23. Februar 2012 genannten persönlichen Grund hat ENTEGA den Bau einer Solaranlage im Operndorf mit 10 € unterstützt.

Viele sind dem Aufruf gefolgt und die so gesammelte Summe wurde nach Abschluss der Aktion von ENTEGA noch einmal großzügig aufgerundet. 30.000 € stehen so nun für die Realisierung einer Solaranlage zur Verfügung.

Wir bedanken uns von Herzen bei allen Beteiligten, allen voran der Firma ENTEGA für diese wunderbare Idee und den großartigen Einsatz!
Und freuen uns mitteilen zu können, dass Dank dieser Unterstützung in Kürze mit dem Bau einer Solaranlage im Operndorf begonnen werden und das Projekt einen großen Schritt in Richtung Unabhängigkeit und Nachhaltigkeit gehen kann.

http://www.entega.de
http://www.facebook.com/Entega

Posted by Operndorf

Samstag,04. Februar 2012

Aktuelle Infos zum Projekt und zum Zwischenstand der Bauarbeiten finden Sie
im neuen Operndorf-Flyer!

120125_operndorf_leporello_screen.pdf Download this file

Posted by Operndorf

Donnerstag,02. Februar 2012

Unter dem Titel AUKTION 3000 findet am 8. März 2012, 20 Uhr im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin eine Benefizversteigerung zugunsten von Christoph Schlingensiefs Projekt Operndorf Afrika statt.
 
Namhafte internationale Künstler wie Marina Abramovic, Pipilotti Rist, Matthew Barney, Georg Baselitz, Christo, Andreas Gursky, Daniel Richter, Wolfgang Tillmans und Günther Uecker unterstützen das Projekt und stellen anlässlich der AUKTION 3000 eigene Arbeiten zur Verfügung.
 
Aktuell beteiligen sich knapp 50 Künstler an der Auktion, die u.a. von Chris Dercon (Direktor Tate Modern, London) und Klaus Biesenbach (MoMA, New York) unterstützt wird. Leiter der Versteigerung ist der Rechtsanwalt Peter Raue. Eine Vorbesichtigung der zur Auktion stehenden Exponate ist vom 23.2. bis 4.3. im Museum Hamburger Bahnhof Berlin möglich.

„Christophs Traum vom Operndorf Afrika ist zu einem Traum von vielen geworden, die sich für das Projekt engagieren. Die AUKTION 3000 soll weiter dazu beitragen, dass dieser Traum Wirklichkeit wird. Unser ganz besonderer Dank gilt den Künstlerinnen und Künstlern für ihre großzügige Unterstützung.“ Aino Laberenz

Seit 2008 arbeitete Schlingensief an der Idee für das Operndorf Afrika, das er als interkulturelle Begegnungs- und Experimentierstätte und als künstlerisches Zukunftsreservoir verstanden wissen wollte. Nach der Grundsteinlegung im Februar 2010 hat im Oktober 2011 die Grundschule im Operndorf nahe Ouagadougou, der Hauptstadt Burkina Fasos, ihre Eröffnung gefeiert. Seitdem besuchen 50 Schülerinnen und Schüler einen regulären Unterricht bei gleichzeitiger Förderung ihrer künstlerischen Interessen in Film-, Kunst- und Musikklassen.
 
Das Jahr 2012 steht für die Festspielhaus Afrika gGmbH unter Leitung von Schlingensiefs Ehefrau Aino Laberenz ganz im Zeichen der Realisierung der Vorhaben der zweiten Bauphase, die Schlingensief zusammen mit dem Architekten Francis Kéré konzipiert hat. Dazu gehören der Bau einer Krankenstation, einer Solaranlage, eines Sportplatzes, Wohn- und Gästehäuser sowie Künstlerresidenzen. Die dafür veranschlagten Kosten in Höhe von circa 500.000 Euro werden zu großen Teilen aus privaten Spenden und Sponsorengeldern bestritten.
 
Der Erlös der AUKTION 3000 kommt diesen Bauvorhaben zugute. Weitere Informationen stehen unter www.auktion3000.com zur Verfügung.
 
Besuchen Sie auch die Homepage des Projekts Operndorf Afrika unter www.operndorf-afrika.com.

 

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Posted by Operndorf

Donnerstag,02. Februar 2012

Heute stellt Aino Laberenz im Rahmen der Thalia-Lessingtage das westafrikanische Kultur-Projekt ihres verstorbenen Mannes vor.

VON JOACHIM MISCHKE

Berlin. Seit dem Krebstod des Künstlers Christoph Schlingensief im August 2010 ist Aino Laberenz, 30, die treibende Kraft hinter seinem "Operndorf" in Burkina Faso, einem "Gesamtkunstwerk, das afrikanische und europäische Kulturen verbinden" soll. Wir trafen Laberenz, die 2005 von "Theater heute" als "Beste Nachwuchs-Kostümbildnerin" geehrt wurde, in Berlin.

Hamburger Abendblatt: Es gibt ein Lessing-Zitat, das bestens passt: "Nur die Sache ist vertan, die man aufgibt." Nach Aufgabe sieht Ihr Projekt aber nun wirklich nicht aus.

Aino Laberenz: Überhaupt nicht. Als Christoph gestorben war und ich sehr schnell klären musste, wie es weitergehen kann, habe ich die Geschäftsführung angetreten. Diese Verantwortung zu übernehmen, Strukturen zu schaffen und nicht aufzugeben - das war neu für mich. Nach Christophs Tod gab es einen Baustopp, dann haben wir Firmen ausgesucht, uns um die Auflagen gekümmert und im letzten Februar den Bau wieder aufgenommen.

Der erste Bauabschnitt ist vollendet. Der zweite soll in diesem Jahr begonnen werden, im dritten soll das Opernhaus entstehen. Wie groß ist der Finanzbedarf?

Laberenz: Die laufenden Kosten sind momentan relativ gering. Wir tragen den Lohn der drei Lehrer und die Versorgung der Kinder. Das wird steigen, wenn wir eine Krankenstation unterhalten. Für 2012 und 2013 können wir die laufenden Kosten bezahlen.

Die ersten vier Wörter, die mir zum Operndorf in den Sinn kamen, waren: romantisch, heroisch, naiv und verrückt.

Laberenz: Romantisch ist es nicht, dafür ist das Projekt viel zu real. Heroisch? Kann ich nicht sagen. Verrückt? Ich bin pragmatischer als Christoph. Und die Vision hat sich in eine ganz andere Realität entwickelt, da kann man nicht allzu verrückt sein. Naiv? Also ich bin es nicht. Das Operndorf wäre heute auch nicht da, wo es schon ist, wäre ich das naiv angegangen.

In "Emilia Galotti" steht ein Satz, der zu Schlingensiefs Operndorf-Devise "Macht mit unserem Geld, was ihr wollt" passt: "Tu, was du nicht lassen kannst."

Laberenz: Mein Wunsch für dieses Projekt ist, dass es autonom wächst. Dass es sich - wie Christoph einmal sagte - wie ein Organismus verhält.

Was können wir in Westeuopa von dieser Idee, die für ein Land in Westafrika entstand, mitnehmen?

Laberenz: Mich interessiert die Begegnung auf Augenhöhe sehr, ohne Perspektive von oben herab. Das Land ist wirklich arm, und trotzdem gibt es dort eine große Kulturlandschaft und großes Selbstbewusstsein. Christoph hat es geschafft, sich sehr auf die Menschen und die Gegebenheiten einzulassen.

Ein Operndorf könnten Sie, ganz banal gesagt, ja auch in Sachsen-Anhalt aufbauen. Wäre das zu nah? Zu einfach?

Laberenz: Ich könnte jetzt antworten, dass Christoph zu Sachsen-Anhalt nicht wirklich einen kreativen Zugang hatte. Afrika war für ihn immer auch ein Kontinent, zu dem er eine klare Bindung hatte. Über Deutschland hat er gesagt: "Mir brechen hier die Antennen ab. Hier wird man permanent mit Meinungen und Haltungen zugeballert, man kann sich kaum noch öffnen."

Fühlen Sie sich durch das Operndorf älter, als Sie sind? Müssen Sie reifer sein?

Laberenz: Ja, ich denke schon. Da spielt natürlich auch der Tod eine große Rolle. Ich bin mit noch nicht einmal 30 Witwe geworden. Ich verstehe mich mit den alten Damen auf dem Friedhof und bin dann auch eine 80-Jährige. Die Dinge verschieben sich.

Ist das Operndorf für Sie eine Lebensaufgabe?

Laberenz: Ich weiß, dass es noch lange Zeit braucht, und ich werde es auch nie verlieren. Und wenn ich irgendwann sehe, es ist eigenständig, ist das großartig.

Wie sieht Ihr eigener Zukunftsplan aus?

Laberenz (lacht): Den hab ich nicht. Christoph hat mir immer sehr viel mehr vertraut als ich mir selber. Ohne ihn ist es jetzt an mir, das zu tun. In Projekten geht das ganz gut, weil es dann nicht immer nur um den eigenen Schmerz geht. Da öffnen sich andere Türen.

Wie gehen Sie damit um, von vielen nur als "die Witwe von" gesehen zu werden?

Laberenz: Das ist sehr schwierig. Man wird sehr auf ein Wort reduziert und hat teilweise noch nicht mal einen eigenen Namen. Ich wüsste nicht, wie ich mich dagegen wehren soll. Es ist abstrus.

Fühlt sich das Operndorf für Sie wie "mein" Projekt an oder ist es nach wie vor noch "seins"?

Laberenz: Es ist auf jeden Fall unser Projekt. Ich suche sehr gern in dem, was er gesagt hat. Diese Vision vom Operndorf ist für mich ganz konkret.

Operndorf Afrika: Zwischenstand
Heute 20 Uhr, Thalia Gaußstraße.
Mit Aino Laberenz, John Bock (Künstler), Harald Falckenberg (Sammler u. Mäzen), Matthias Lilienthal (HAU Berlin). Restkarten an der Abendkasse.
www.operndorf-afrika.com

Aus: Hamburger Abendblatt vom 02.02.2012

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Dienstag,31. Januar 2012

Christoph Schlingensiefs Vermächtnis lebt. Eindrücke eines Besuchs im afrikanischen Operndorf in Burkina Faso

Erst seit der ehemalige Finanzminister Steinbrück den Namen Ouagadougou in sein Vokabular aufnahm, wissen viele, dass es sich dabei nicht um eine afrikanische Landessprache, sondern um die Hauptstadt des westafrikanischen Binnenstaates Burkina Faso handelt. Und erst seit der verstorbene Theaterregisseur Christoph Schlingensief verkündet hat, dass er dort ein Operndorf mit Opernhaus errichten will, ist dieses Land mehr in den Blick der Öffentlichkeit getreten. Dass es sich bei diesem im Sub-Sahel-Gebiet gelegenen Staat um ein Land mit absoluter Hungersnot handelt, war Schlingensief wohl bekannt. Aber er erkannte auch die Kreativität und Lebensfreude der als Burkinabé bezeichneten Einwohner.

Schlingensief hat in seinem Todeskampf an dem mutigen Projekt festgehalten, überzeugt, der Welt und den Menschen dort ein Vermächtnis des Überlebens zu hinterlassen. Im August 2010 starb er an Krebs; er und sein Lebenswerk leben auch in Burkina Faso weiter in der hierfür gegründeten Festspielhaus Afrika gemeinnützigen GmbH unter der Leitung seiner Ehefrau Aino Laberenz und unter der Schirmherrschaft des Alt-Bundespräsidenten Horst Köhler sowie einem treuen Freundeskreis. Und mit einem genialen Architekten, dem Burkinabé Francis Kéré, einem Häuptlingssohn, ganz in der Nähe des Operndorfes geboren.

Rund eine Stunde braucht man für die 45 Kilometer, um von der Hauptstadt Ouagadougou Richtung Niger in das Savannengebiet um Ziniaré in unmittelbarer Nähe von fünf Dörfern zu gelangen. Ein wahres Abenteuer, denn wer kennt schon in Burkina Faso das Projekt Operndorf? Aber der „Rastaman“ auf einem der belebten Plätze der Hauptstadt wusste davon und erklärte uns den Weg.

Umgeben von hunderten Mofas, Fahrrädern, altertümlichen Autos und überladenen Kleinlastern machten wir uns auf die Suche, mitten im afrikanischen Winter mit über 30 Grad Celsius und wolkenfreiem Himmel. Die Infrastruktur in dieser rohstoffarmen Präsidialrepublik verbessert sich – gemessen am neuen Bau der Überlandstraßen – zusehends. Was bewog Schlingensief und Kéré, in dieser Steppe ein Festspielhaus zu bauen?

Vorbei an dem seit 20 Jahren bestehenden international renommierten Skulpturenpark „Cité dé Laongo“, in dem sich alle drei Jahre 20 angesehene Bildhauer verwirklichen dürfen, führt eine roterdige Steppenpiste zu den Gebäuden des ersten Bauabschnitts. Was als erstes auffällt, ist die satte rote Farbe der Bausteine in feiner Kombination zum roten Boden. Und die lebendige, frisch und fröhlich wirkende Architektur Francis Kérés, umgeben von deutschen Containern mit Bau- und Hilfsstoffen. Auffällig sind die sich einfügenden Doppeldächer, die die extreme Hitze im Innern deutlich reduzieren. Erkennbar ist bereits jetzt die schneckenförmige Form des „Operndorfes“ mit den bereits fertigen Gebäuden Schule, Werkstätten, Lehrerhäuser, Räumen für die Administration und die Küche mit Essensräumen.

Im angrenzenden Tal soll die Krankenstation entstehen. Daneben sind ein Gästehaus, ein Sportplatz und ein Restaurationsbetrieb geplant. Zentraler Mittelpunkt ist das mit rot-weißen Begrenzungspfählen abgesteckte Opernhaus, welches Platz für 500 Personen bieten soll.

Seit Oktober ist der Schulbetrieb in den beiden fertigen Schulgebäuden im Gange, für 25 Mädchen und 25 Jungen. Zur Schule gehen zu dürfen, und damit auch ein tägliches Essen gesichert zu wissen, ist für die Burkinabés ein Privileg. Nur etwa 35 Prozent der Jungen und 15 Prozent der Mädchen besitzen einen Schulabschluss. Deshalb ist diese Schule ein Segen, zumal Schlingensief Wert darauf legte, dass die Kinder eine musische Förderung durch Vermittlung von Tanz, Theater, Foto und Film erhalten. Die Kinder sind alle aus den Dörfern der Gegend. Und Singen, Tanzen und Schauspielen liegt den Burkinabés im Blut.

Ein schmales, aber gut gefülltes Gästebuch zeigt das internationale Interesse an dem Vorhaben. Das Projekt ist mehr als eine verrückte Idee für ein Opernhaus in Afrika europäischer Prägung. Schlingensiefs Vermächtnis währt über seinen Tod hinaus: Kunst und Leben sollen zusammengehen. Warum nicht auf dem Urkontinent der Weltgeschichte? Warum nicht nach afrikanischer Prägung, auch wenn hier manches langsamer, traditioneller, aber lebensfüllender geschieht?

Quelle: Südkurier vom 31.01.2012, Text und Fotos:

RAINER KOTZ

 

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Montag,23. Januar 2012

Am 21. April 2012 geben die Berliner Philharmoniker unter Leitung von Sir Simon Rattle mit Georges Bizets Carmen in der Berliner Philharmonie ein Konzert  zugunsten des Operndorf Afrika. Der Aufschlag von 5 Euro auf jede Konzertkarte für diesen Abend geht als Spende an das Projekt.
Diese großzügige Geste geht auf die Initiative von Martin Hoffmann, dem Intendanten der Berliner Philharmoniker, zurück.

Wir bedanken uns für diese großzügige Unterstützung!

Weitere Informationen: www.berliner-philharmoniker.de

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Dienstag,17. Januar 2012

Das Berliner Comedy Duo Ass-Dur unterstützt Christoph Schlingensiefs „Operndorf Afrika“ mit einer Spende in Höhe von 3.838 Euro.

Das Geld soll dem zweiten Bauabschnitt, der Krankenstation des Operndorfs, zufließen.

Wir bedanken uns ganz herzlich für die freundliche Unterstützung und die damit verbundene großzügige Spende.

Weitere Informationen: www.ass-dur.de

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Mittwoch,21. Dezember 2011

frieze: What are the museums you’re currently most excited about?

: (…) For the moment my favourite is Christoph Schlingensief’s opera village, a cultural centre in Remdoogo in Burkina Faso. Museums will become different – they will become community centres and art schools. You have to be radically different and to rethink the notion of the museum, not just in its physical substance but as a social organization.

Das ganze Interview lesen Sie bitte hier!

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Montag,19. Dezember 2011

Aino Laberenz im dapd-Interview, 17.12.12

dapd: Wie ist der Stand der Arbeiten im Operndorf in Burkina Faso? 

Laberenz: Wir haben 2011 einen ganz großen Schritt getan. Am 8. Oktober wurde die Schule im Operndorf eröffnet. Damit ist die erste von drei Bauphasen abgeschlossen. 16 Häuser sind fertiggestellt, 50 Kinder gehen jetzt täglich in die Schule. Sie sind sechs und sieben Jahre alt, also erste Klasse. Neben dem regulären Unterricht gibt es täglich eine Kunststunde. Ein Gremium von Künstlern vor Ort verantwortet ein Programm parallel zum normalen Stundenplan und kümmert sich um Projekte wie Tanz- oder Filmwochen. Ein Filmlehrer gibt zwei Mal in der Woche Filmunterricht, sehr, sehr spielerisch. Die Finanzierung des laufenden Betriebs ist für ein Jahr gesichert. Die Eltern müssen für ihre Kinder kein Schulgeld zahlen, dafür kochen die Mütter mittags. Wir wollen auch eine Alphabetisierung der Eltern erreichen. Die Analphabeten-Quote in Burkina ist sehr hoch.  

dapd: Wann wird weiter gebaut? 

Laberenz: Die Pläne der Architekten für die zweite Phase liegen jetzt vor. Angestrebt wird ein Baubeginn 2012. Wir arbeiten mit den Grünhelmen von Rupert Neudeck zusammen und wollen eine Krankenstation mit Solaranlage bauen. Dann sollen Gästehäuser und ein Sportplatz für die Kinder errichtet werden. Die Theaterfläche soll nutzbar gemacht werden, so dass die Kinder dort ihre Filme zeigen und Kulturabende veranstalten können. Für den Bau brauchen wir Spenden. Wir sind an öffentlichen Geldgebern dran, aber es ist noch nicht spruchreif. Für mich ist es schwer, Aufmerksamkeit und Spenden zu bekommen, weil ich nicht das große Zugpferd wie Christoph Schlingensief bin, weil ich auch Christoph nicht ersetzen oder spielen will. Ich bin eher zurückhaltend. Ich bin und werde einfach keine Rampensau. Aber ich muss lernen, das Projekt zu vermitteln. Denn es ist faszinierend: Da gehen jetzt wirklich Kinder in die Schule. Es ist toll, in ihre Augen zu sehen, zu sehen, dass sie Spaß haben. Dann weiß man, wofür man die ganze Zeit arbeitet. Christophs Traum und der Traum so vieler Menschen vor Ort lebt jetzt wirklich.

dapd: Wie viel Geld brauchen Sie für die zweite Phase? 

Laberenz: Die erste Phase hat rein baulich 580.000 Euro gekostet und die zweite wird auch in dieser Größenordnung liegen. Jetzt geht es darum, Gelder zu sammeln. Wir sind dankbar für jede Spende, die auf dem Konto des Operndorfes eingeht. Wir wollen ein Benefizkonzert veranstalten, da sind wir mit Barenboim im Gespräch und müssen Termine finden. Es entsteht gerade ein Dokumentarfilm fürs Kino über das Projekt. Der soll im Frühjahr rauskommen.   

dapd: Wie verarbeiten Sie den Tod Ihres Mannes? 

Laberenz: Er fehlt mir immer noch jeden Tag, ich vermisse ihn wahnsinnig. Manchmal denke ich, so lange habe ich dich noch nie nicht gesehen. Ich würde gerne wissen, was er über meine Arbeit sagt. Ich vermisse ihn im Gespräch, würde gerne wissen, was er darüber denkt, dass der Papst hier war. Andererseits ist er so wahnsinnig bei mir, ich will ihn auch gar nicht loslassen. Beim Afrika-Projekt stelle ich mir nie die Fragen, ob er mein Handeln gut findet oder nicht. Ich weiß, dass er mir vertraut hat.

dapd: Wann könnte die dritte Bauphase starten? 

Laberenz: Ich hoffe auf einen Baustart der zweiten Phase im nächsten Jahr und einen Abschluss 2013. Das hängt völlig von den Spenden ab. Die dritte Bauphase umfasst dann den Bau des Opernhauses. 

dapd: Werden Sie aus der Politik unterstützt? 

Laberenz: Es gibt ein paar Leute, die mich toll unterstützen. Kürzlich war ich bei Horst Köhler, den ich ja als Schirmherrn gewonnen hatte. Der macht mir nicht nur Mut, sondern hilft durch sein immenses Wissen über Afrika. Er gibt sehr gute Ratschläge. Er plant im nächsten Jahr eine Reise runter und will auch ins Dorf kommen. Extrem hilft auch Frank-Walter Steinmeier. Er hat an das Operndorf und den Ansatz 'Von Afrika lernen' von vornherein geglaubt. Als Außenminister hatte er das Projekt gefördert, er hatte Christoph Gelder zugesagt, sogar den größten Anteil. Diese Unterstützung gab es nach dem Regierungswechsel nicht mehr. Der Grund ist banal: Es gab kurz vor der letzten Wahl eine Talkshow, in der es sich Christoph nicht nehmen ließ, etwas gegen Westerwelle zu sagen. Kurz nach der Wahl entschied das Auswärtige Amt, die Förderung einzustellen. Da war selbst Christoph sehr verdutzt, wie klein doch die Welt ist.

dapd: Was planen Sie im kommenden Jahr? 

Laberenz: Es gibt diverse Ausstellungsanfragen, was den ganzen Nachlass von Christoph angeht, zum Beispiel von der Akademie der Künste. 2013 sind zwei große Ausstellungen geplant, in den Kunst-Werken Berlin und im Folkwang Essen. Dann kümmere ich mich jetzt um das Buch von Christoph. Er hatte in Absprache mit dem Kiwi-Verlag eine Autobiografie begonnen. Die stoppte er dann Anfang letzten Jahres, weil er damit unzufrieden war und sie noch mal überarbeiten wollte. Er hatte Scham vor einer Autobiografie und war sich sehr unsicher. Christoph hatte einen wahnsinnigen Humor, hatte im Kern aber immer ein ernsthaftes Anliegen. Er wollte auf keinen Fall auf den Clown und Provokateur reduziert werden, das war seine große Angst. Was er machte, meinte er immer sehr ernst. Eine ähnliche Angst hatte er mit so einem Buch. Er wollte ernsthaft von sich erzählen. Es gibt stapelweise von ihm geschriebenes und aufgenommenes Material. Jetzt habe ich die Kraft, da ranzugehen. Vielleicht schafft man es mit so einem Buch, einen Einblick in sein Denken zu gewährleisten. Das wird hoffentlich ein schöner Zugang zu seinem Kosmos. Darüber hinaus signalisiere ich jetzt langsam, dass ich wieder vermehrt als Kostümbildnerin arbeiten will.

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